Friede im humanistischen Wertesystem

#1 von Albero , 19.05.2016 17:14

„Friede ist nicht nur Abwesenheit von Krieg, sondern ein ständiger dynamischer Prozess. Er ist ohne Gerechtigkeit undenkbar und kann sie zugleich bringen. Er braucht Mündigkeit und Verantwortung der Menschen, welche eine lebendige Demokratie gewährleisten, und ist für dies alles zugleich die Grundvoraussetzung. Aufklärung und Freiheit sind ohne Frieden nicht möglich und schaffen sie zugleich. Menschlichkeit und menschliche Solidarität sind Eckpfeiler des Friedens, können aber auch ohne diesen nicht gelebt werden. In diesem Kreis eines humanistischen Wertesystems sind alle Teile gleich wichtig und bedingen sich gegenseitig.“



Mit naiver Friede-Freude-Eierkuchen-Harmonie hat das wenig zu tun, auch wenn es schön wäre. Um einen stabilen Frieden zu schaffen und zu sichern bedarf es der dazu erforderlich politischen Macht. Demokratische Nationalstaaten haben das in einem gewissen Maße geschafft. Die Europäische Union ist nach leidvollen Jahrhunderten unablässiger Kriege zu einer übernationalen Friedensmacht gewachsen. Kritiker der EU vergessen das in ihrem Eifer allzu gerne. So muss das auch auf globaler Ebene geschehen. Für eine gute Zukunft der Menschheit ist das unverzichtbar.

Albero


Glaubt ihr etwa alles, was n i c h t in den Zeitungen steht?

 
Albero
Beiträge: 334
Registriert am: 16.05.2016

zuletzt bearbeitet 25.07.2017 | Top

RE: Friede im humanistischen Wertesystem

#2 von Markus Rabanus , 08.03.2017 04:15

Ja, philosophisch und juristisch ist mir daran gelegen, einzelne Werte nicht zu überhöhen oder gar zu verabsolutieren, denn alle Werte bedingen und begrenzen sich gegenseitig oder würden missbraucht. Darum sind mir die unterschiedlichen Werte verdächtig gleichen Gewichts, wobei wir oft schon innerhalb einer Generation lernen, welche Werte zuvor unterschätzt, übertrieben oder gänzlich verkannt wurden.

Aber so gänzlich gleichwertig vielleicht dann doch wieder nicht, denn ausnahmsweise könnte auch mal ein Sprüchli stimmen, welches da lautet: "Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts", denn so bewahrheitet es sich für die Opfer aller Kriege, mit Ausnahme des mitunter gebrauchten Märtyrertyps - und im Atomzeitalter universeller und unter Umständen finaler.

Im Vergleich dazu die Freiheit, die so oft bemüht wird, um Kriege zu rechtfertigen. Da scheint mir, dass die Freiheit den Menschen zwar wichtig ist und eigentlich auch zu den Grundbedürfnissen zählt, aber die Bereitschaft zu Kompromissen und Unfreiheit doch auch sehr ausgeprägt sein kann, wenn dem Wohlstand genügt wird.
Desgleichen mit der Gerechtigkeit.

Der Opportunismus schert sich weniger um Werte als um den Bauch, den Porsche und andere Vergnügen.

Das humanistische Wertesystem muss dem Opportunismus Rechnung tragen und zugleich, aber demokratisch, begegnen.


The World Is Always Under Construction.

 
Markus Rabanus
Beiträge: 190
Registriert am: 28.02.2017


RE: Friede im humanistischen Wertesystem

#3 von Richard Maxheim , 08.03.2017 07:45

Die Passage im Weltbürger-Manifest ging damals auf das Humanistische Werte-System von Rudolf Kuhr, der an der Formulierung des Manifests beteiligt war, zurück. Ich würde in das System heute zusätzlich den Aspekt Sicherheit einfügen. Natürlich ist die Wertigkeit der Elemente variabel. Es kommt darauf an, mit welcher Situation das System konfrontiert wird. Aber grundsätzlich würde ich sagen, dass alles miteinander verzahnt ist. Die Zahlräder sind unterschiedlich groß, aber gleich wichtig.

Richard


 
Richard Maxheim
Beiträge: 435
Registriert am: 16.05.2016


RE: Friede im humanistischen Wertesystem

#4 von Markus Rabanus , 08.03.2017 19:49

Ja, @Richard, ich würde heute schon wieder anders texten, wie auch auf alten Webseiten, wozu dann oft die Zeit oder Lust fehlt.

Anstelle von "gleichen Gewichten", zumal schon im nächsten Absatz ungleich gewichtet. wäre von "gemeinsamer Erforderlichkeit für Verbesserung" zu sprechen gewesen, denn Kulturelles in Mechanisches umzusetzen, bleibt Versuch zur Anschaulichmachung, aber Finales ist halt schwierig (impossible) ;-)

Doch zurück zum engeren Thema "Friede im humanistischen Wertesystem":

Zunächst scheint wichtig, den Friedensbegriff extrem eng zu fassen als Abwesenheit militärischer Konfliktaustragung.
Anderweitige Friedensdefinitionen, wie sie je nach Klientel mal die Repressionsfreiheit, mal den Seelenfrieden und weitere Sozial- oder Ego-Wünsche einbeziehen oder gar in den Vordergrund spielen, halte ich (charmant formuliert) für themaabschweifend und wären in sachlicheren Fällen dann eher in speziellen Grundrechte-Debatten zu erörtern.

Sodann scheint wichtig, den Unterschied zwischen humanistischem Wertesystem und archaischen Vorstellungen im Hinblick auf Krieg und Frieden zu erläutern:

Während archaische Vorstellungen mitunter den Krieg zum "Vater aller Dinge" verklären oder als "Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln" verallgemeinern und harmlosen, erklärt das humanistische Wertesystem den Krieg zum Verbrechen, weil sich das gutes Recht nicht im Kräftemessen mit Waffen finden kann und auch nicht soll.
Der weltrechtsstaatliche Ansatz geht über diesen Anspruch hinaus und fordert organisatorische Gewährleistung dafür, dass Konfliktparteien äußersten Falles in juristischer Auseinandersetzung um die Legitimität von Interessen auf Basis des den Streitparteien übergeordneten Völkerrechts streiten.

Deshalb darf die Interpretation des Völkerrechts nicht Entscheidungssache von Konfliktparteien sein, sondern muss der übergeordneten Entscheidung des Weltgerichtshofs obliegen sollte, der nach gegenwärtigem Stand der UNO-Charta allerdings nur "Gutachten" darf, also weder Streitigkeiten "entscheiden" oder gar durchsetzen kann.

Darum schlussfolgert der weltrechtsstaatliche Ansatz desweiteren, dass der internationale Friede nur zu sichern ist, indem den Nationen die Waffen zur militärischen Konfliktaustragung schrittweise genommen und unter UNO-Oberbefehl gestellt werden,
- um falsche Berufung auf das Selbstverteidigungsrecht auch tatsächlich revidieren und bestrafen zu können,
- um alle Nationen auf zivile Konfliktaustragung zwingen zu können, wenn sie sich nicht fügen.

Der weltrechtsstaatliche Ansatz widerspricht romantischen Vorstellungen, wonach der Frieden durch Völkerfreundschaft und Wohlwollen zu sichern sei, denn Frieden muss durchsetzbare Rechtspflicht sein und zwar unabhängig von Erschütterungen freundschaftlicher Beziehungen - und unabhängig vom Wohlwollen.

Mit selbiger Begründung lehnt der weltrechtsstaatliche Ansatz auch außenpolitische Doktrinen ab, wonach der Frieden durch Verträge und Bündnisse verlässlich zu sichern sei, was sich zwar zunächst wie Verrechtlichung anhört, aber keine ist, denn solange der Bruch solcher Verträge nicht durch ein übergeordnetes Gericht verurteilt und bestraft werden kann, sind solche Verträge bloße Absichtserklärung ohne Gewährleistung.

Desweiteren schlussfolgert der weltstaatliche Ansatz schon für die heutigen Konflikte, dass auch von Friedensverhandlungen wenig bis nichts zu halten ist, zu denen Konfliktparteien mitunter über Jahrzehnte aufgefordert werden und nicht zu Problemlösungen kommen, während es richtiger wäre, die UNO würde die Konfliktparteien anhören und dann auch entscheiden, ob es den Konfliktparteien gefallen mag oder auch nicht.

Vieles vom dargestellt weltrechtsstaatlichen Ansatz ist nicht bloß "ferne Zukunft", sondern bereits der UNO-Charta enthalten,
- wenngleich insbesondere der Weltsicherheitsrat oftmals versagt, weil dort die Vetomächte rivalisieren und ihrer privilegierten Verantwortung nicht gerecht werden,
- wenngleich wichtige organisatorische Bestimmungen der Charta nicht im Einklang mit den dort verbürgten Zielen stehen,
- wenngleich die Weiterentwicklung der Vereinten Nationen so zögerlich ist, weil sich die mächtigsten Staaten und auch viele kleinere Staaten scheuen, dem gemeinsamen Völkerrecht zu beugen und auf militärische Selbstjustiz zu verzichten.

Dazu braucht es den weltweiten Diskurs, denn welche Reformforderungen auf die Liste sollen, darf nicht darauf warten, was ausgerechnet solchen Staaten an Reform einfällt, die weiterhin militärisch rivalisieren möchten.

So lassen auch diese Gedanken vieles offen - und es gilt mit Ideen zu experimentieren, ob sie zur Entwicklung der Vereinten Nationen taugen, ob schon jetzt wenigstens kleinere Schritte möglich und zu fordern sind oder alles in "ferner Zukunft", als sei gesichert, dass "ferne Zukunft" überhaupt interessiert und nicht unterwegs zerstört, als seien die kleinen Schritte nicht schon Fortschritt gegenüber dem Versuch, in einer Welt militärischer Selbstjustiz verharren zu dürfen.

Die Schritte könnten beispielsweise sein, dass wachsende Anteile der nationalen Verteidigungsausgaben für vergleichsweise best bezahlte, best ausgebildete, best gerüstete UNO-Streitkräfte abgezweigt werden.
Und je stärker die UNO-Streitkräfte, desto mehr Verlass wäre darauf, mit weniger nationalem Verteidigungsaufwand auskommen zu können.

Auch kleinere Entwicklungsschritte zur Demokratisierung der Vereinten Nationen könnten sein und sofort, denn schon allein unserer Regierung mehr öffentliche Diskussion um deren UNO-Politik abzuringen, wäre demokratischer Fortschritt.


The World Is Always Under Construction.

 
Markus Rabanus
Beiträge: 190
Registriert am: 28.02.2017


RE: Friede im humanistischen Wertesystem

#5 von Richard Maxheim , 09.03.2017 16:31

Da hast vollkommen recht, Frieden ist im Kernpunkt kein Krieg. Es kommt auf die Definition an, wie weit sich der Friedensbegriff dehnen lässt, dadurch vielleicht verdünnt wird und nicht mehr die starke Bedeutung besitzt, wie der ganz simple friedliche Zustand ohne Krieg. Das kann dann so weit führen – und man bekommt es immer wieder vorgekaut – , dass man doch erst einmal Frieden mit sich selbst schließen sollte und so bla. Der Rest ist Schneewittchen und die sieben Zwerge.

Ende der Siebziger war ich an der Gründung eines Friedensvereins beteiligt. Wir schrieben in unsere Satzung: „Der Verein will zu einem Frieden beitragen, der mehr ist, als die Abwesenheit von Krieg.“ Dabei standen wir unter dem Eindruck einer ganzen besonderen Art von Frieden, dem Abschreckungsfrieden: Wenn du mich nicht in Frieden lässt, bringe ich uns bei um. FJS bezeichnete das als „Verantwortungspazifismus“. Wie oft diese „heiße Frieden“ auf des Messers Schneide stand, wissen wir heute ungefähr. Dazu sollte dann auch noch die unsägliche NATO-Nachrüstung mit Mittelstreckenraketen kommen, durch welche die Vorwarnzeiten brandgefährlich verkürzt wurden. Diese Zeit hat die Friedensbewegung nachhaltig geprägt. Der daraus resultierende Antimilitarismus in Form von „Frieden schaffen ohne Waffen“ blockiert in jenen Kreisen jede Vision eines übernationalen Friedensschutzes bis heute. Wir hatten den in der WeltBürgerInitiative der Neunziger im Weltbürger-Manifest so formuliert:

Zitat
Es wäre aber auch naiv zu glauben, der Weltfriede ließe sich ausschließlich mit gewaltfreien Mitteln verwirklichen und sichern. …... In letzter Konsequenz muss aber auch – im Interesse der unmittelbar bedrohten Menschen – ein Gewalt abwehrendes Eingreifen mit polizeilichen Möglichkeiten, mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel und im Einklang mit dem Völkerrecht, schnell und wirksam möglich sein. Hierfür braucht die Weltgemeinschaft – statt von Fall zu Fall abkommandierte nationale Streitkräfte – einen dafür spezialisierten übernationalen Friedensschutz, der am Anfang einer Entwicklung stehen muss, welche die Abschaffung sämtlicher nationaler Rüstungs- und Militärapparate und die allgemeine und vollständige Abrüstung möglich machen wird.


Keine Chance, der streckenweise irrationale Müsli-Pazifismus war bereits dermaßen verhärtet, dass solche Gedanken nur auf Unverständnis stießen. Hinzu kam dann noch das dumme Geschwätz von Gerorge Bush sen. von wegen einer „neuen Weltordnung“ beim internationalen Krieg unter UN-Mandat gegen den Irak. Da gingen sämtliche Rollläden runter.

Man sollte da heute unbedingt wieder ansetzen, nicht nur bei den Friedensbewegten, sondern vor allem bei unserer Regierung. Was wäre die Alternative? Ein Job für politische Weltbürger, die sich dafür allerdings organisieren müssten. Wie viele sind wir?

Richard


 
Richard Maxheim
Beiträge: 435
Registriert am: 16.05.2016

zuletzt bearbeitet 09.03.2017 | Top

RE: Friede im humanistischen Wertesystem

#6 von Markus Rabanus , 12.03.2017 17:36

@Richard, tut gut.

Trotzdem Anmerkungen zum Zitat aus dem "Weltbürger-Manifest", denn es hängt sich zu weit aus dem Fenster, wenn es heißt, "mit polizeilichen Mitteln" und final "vollständiger Abrüstung" sei mit Menschheit realistisch.

- Ob "polizeiliche Mittel" genügen, hängt von Mitteln und Größe des Rechtsbrechers ab, wobei mir schon lieber wäre, wenn seitens der UNO mandatierte Kriegsführer mal wieder mehr Konzentration darauf verlegen, die Bösewichte zu schnappen oder zwecks Kapitulation einkesseln anstatt wie in den "humanitären Interventionen" einfach bloß noch zu massakrieren.

- Und "vollständige Abrüstung" wäre allenfalls denkbar, wenn sich die Überwachung jeder Horde, jedem Menschen an die Fersen heften ließe.
Das wäre auch nicht so dolle, falls möglich, dann nur mittels BigBrother-BigData, aber wenn Geheimdienste alles über Bürger wissen und umgekehrt bliebe es strafbar, wenigstens die Methoden auszuplaudern, dann ließe sich jedem Missliebigen eine falsche Kontobewegung und das ganze Dasein verbiegen.
Das Vertrauen in repräsentative Staatsapparate darf nicht zu groß gegenüber den Möglichkeiten sein, die Staatsapparate demokratisch kontrollieren zu können.

Realistischer immerhin und schön für jedes anständige Budget, dass die Abschaffung von Atomwaffen und allerlei Großwaffentechnologie verifizierbar scheint, denn ein strategisches U-Boot lässt sich nicht im Hobbykeller basteln, während man sich zunehmend Sorgen zu machen hat, welche Möglichkeiten sich für Kriegslüsterne und Terroristen aus den Laboren der Bio-Technologien ergeben, wie sich Terrorismus und Massenaufruhr inkl. Gemetzeln wahrscheinlich auch nicht aus der Menschenwelt verbannen lassen.

Darum sollten wir im Unterschied zur Müsli- und Reli-Szene ruhig einräumen, dass Pazifismus und (föderale, soziale) Weltrepublik nicht gleichbedeutend mit paradiesischen Verhältnissen ist, wie auch die Rechtsstaatlichkeit heutiger Best-Staaten mit inneren Konflikten klar kommen muss, aber die entscheidende Voraussetzung ist, um globale Probleme überhaupt lösen können, denn Stimmungen und Gebete genügen nicht.

LG


The World Is Always Under Construction.

 
Markus Rabanus
Beiträge: 190
Registriert am: 28.02.2017


   

Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

Xobor Einfach ein eigenes Xobor Forum erstellen