Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#1 von Richard Maxheim , 02.10.2016 00:39

Zum Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit

Heute ist der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit. Dieser UN-Gedenktag an jedem 2. Oktober erinnert an den Geburtstag von Mahatma Gandhi, der wohl bekanntesten Ikone der Philosophie der Gewaltlosigkeit. Er wurde von der UN-Generalversammlung 2007 auf Betreiben der indischen Regierung beschlossen, mit dem Ziel, die Botschaft der Gewaltlosigkeit im öffentlichen Bewusstsein zu verbreiten. Gandhi soll gesagt haben, Gewaltlosigkeit sei die größte Kraft, welche der Menschheit zur Verfügung steht, mächtiger als die mächtigste Waffe. Die indische Regierung scheint allerdings selbst davon kaum überzeugt zu sein, sonst hätte Indien keine Atombomben.

Besonders von spirituell orientierten Friedensorganisationen wird Mahatma Gandhi als der spiritus rector der Gewaltlosigkeit angesehen und schon fast wie ein Heiliger verehrt. Man muss diesen Propheten aber mal von seinem Sockel holen:
Der eitle Asket – Gandhis Weg erwies sich als Sackgasse. Menschlich war der spirituelle Meister ein unangenehmer Zeitgenosse.
Gandhis vergiftetes Erbe – Unser Land ruht auf einem Fundament der Gewalt, sagt die indische Schriftstellerin Arundhati Roy.
Und dazu noch ein Filmchen:


Unabhängig von diesem unfassbaren Gandhi-Schwindel ist das Prinzip der Gewaltlosigkeit eine leitende Idee für jeden vernünftigen Menschen und eine tragende Säule der Zivilisation. Es geht dabei darum, Konflikte, welche es wohl immer geben wird, nicht mittels gewaltsamer Auseinandersetzungen, sondern durch rationale Übereinkünfte beizulegen. Die dazu notwendigen Mechanismen sind Bestandteil eines jeden Rechtsstaates. In allen zivilisierten Ländern werden Gewaltausbrüche wie Bedrohung, Nötigung, Körperverletzung, Totschlag und Mord verboten und unter Strafe gestellt. Ja, diese Strafandrohung und -anwendung ist natürlich auch Gewalt. Sie hat aber eine ganz andere Qualität, denn sie erfolgt nach bestimmten festgelegten Regeln, die vom überwiegenden Teil der Gemeinschaft akzeptiert werden. Absolute Gewaltlosigkeit würde hier Hilflosigkeit der Gemeinschaft gegen akute Gewalt Einzelner bedeuten.

Ein Ziel des politischen Weltbürgertum ist es, diese Handhabung des menschlichen Gewaltproblems auf die globale Ebene zu befördern. In der Plattform Planet Erde hatten wir das so formuliert:

Zitat
Es wäre aber auch naiv zu glauben, der Weltfriede ließe sich ausschließlich mit gewaltfreien Mitteln verwirklichen und sichern. Selbstverständlich müssen gewaltfreie Aktionen und zivile Konfliktlösungsstrategien mehr als bisher gefördert und in das internationale Friedenssicherungs- und Erhaltungssystem eingebettet werden. Es muss ihnen sogar vor allen anderen Maßnahmen gegen unfriedliche Zustände der Vorrang eingeräumt werden, sofern es die Lage erlaubt. Wir brauchen dafür einen internationalen Zivilen Friedensdienst, als Pendant zu den „Blauhelmen“ der Vereinten Nationen.
In letzter Konsequenz muss aber auch – im Interesse der unmittelbar bedrohten Menschen – ein Gewalt abwehrendes Eingreifen mit polizeilichen Möglichkeiten, mit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel und im Einklang mit dem Völkerrecht, schnell und wirksam möglich sein. Hierfür braucht die Weltgemeinschaft – statt von Fall zu Fall abkommandierte nationale Streitkräfte – einen dafür spezialisierten übernationalen Friedensschutz, der am Anfang einer Entwicklung stehen muss, welche die Abschaffung sämtlicher nationaler Rüstungs- und Militärapparate und die allgemeine und vollständige Abrüstung möglich machen wird.


Es ist ja laut UN-Charte auch erklärtes Ziel der Weltorganisation, die „Menschheit von der Geißel des Krieges zu befreien“ und die „allgemeine und vollständige Abrüstung unter strenger und internationaler Kontrolle“ zu verwirklichen. Nur ist die UNO dazu noch nicht in der Lage und bedarf der Weiterentwicklung. Das Entwicklungsziel muss Weltföderation heißen.

Die Bezeichnung „Übernationaler Friedensschutz“ – m.E. treffender als „Weltarmee“, „Weltpolizei“ oder dergleichen – stammt von Willi Göttert. Er hatte mit seiner Rüsselsheimer Friedensinitiative, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, einen detaillierten Plan ausgearbeitet, wie dieser Weltfriedensschutz zu verwirklichen sei. Das kann man alles in dem ausführlichen, 474 Seiten starken Buch „So stirbt der Krieg“ (ISBN 3-922499-08-2) nachlesen.



Wie das mit der Gewaltlosigkeit gegenüber der Gewalt in unserer Gesellschaft aussieht, ist eine andere Sache. Das sind nationale Probleme und von Land zu Land unterschiedlich. Hier herrscht Handlungsbedarf für Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Juristen, Medienmacher und Verantwortliche in der Politik. Das ist keine globale Angelegenheit, über die sich Weltbürger den Kopf zerbrechen müssen. Aber da Weltbürger gleichzeitig Gemeinde- und Staatsbürger sind, sind sie ebenso gefragt. Es gib auch immer wieder Bezüge zu den negativen Folgen einer zügellosen Globalisierung ohne Recht und Gesetz. Das würde aber den Rahmen dieses Forums sprengen.

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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#2 von Albero , 02.10.2016 13:52

Es ist nicht nachvollziehbar, wieso man in der Friedensbewegung, insbesondere bei christlichen Pazifisten, das Ansehen von Gandhi immer noch so hoch hält. Die Kritik gibt es doch nicht erst seit gestern. Hier ist noch was aus der Tube – in drei Teilen – das die Kritik untermauert. Starker Tobak.
https://www.youtube.com/watch?v=VTJy4CuIQQs (Vermerk 04.03.17 Video nicht mehr einsehbar/rm)
Und dann dieser unsägliche UNO-Gedenktag. Der Bezug auf Gandhi macht ihn doch zur Farce. Wenn ich diese Erklärung von Ban Ki-moon von 2013 lese frage ich mich: Sind die alle blind?

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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#3 von Richard Maxheim , 02.10.2016 18:02

Ja, was soll man gegen solch eine Blindheit unternehmen? Vielleicht den Leuten die Augen öffnen?
Ich versuche es mal mit einer Petition, auch als Fingerübung für weitere Themen.

https://www.change.org/p/uno-generalsekr...keit-abschaffen

Kurzlink: http://tinyurl.com/z7rtbt2

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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#4 von Renate Beck , 03.10.2016 15:21

Ist gezeichnet.
Ich muss sagen dass mir Gandhi noch nie sympathisch vorkam. Ich mag das Guruhafte überhaupt nicht und dieses ausgemergelte Hungerleiden. Wir hatten im Laden mal so einen Indienfan, der nur Müsli aß (ich liebe meinen Leberkäs) und den ganzen Tag die Luft mit Räucherstäbchen verpestete aber schimpfte wenn sich jemand mal eine Zigarette drehte. Die Infos habe mich wirklich verblüfft. Dass Gandhi so eine (ich schreibs jetzt net) war hätte ich nicht für möglich gehalten.
LG Renate

 
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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#5 von Albero , 03.10.2016 23:20

Es scheint im Westen einen kollektiver Spleen unter Halbintellektuellen zu geben, nach dem alles, was aus dem Osten kommt, hochgradig geistig und weise sein muss. Wenn das dann auch noch tausende von Jahren alt sein soll, um so weiser. Selbst dann, wenn es nicht den geringsten Beweis dafür gibt, dass die Urheber der Sprüche überhaupt existiert haben oder doch nicht nur überlieferte Mythen sind. Und dann noch solche haarsträubenden Quacksalbereien wie Ayurveda (da schwörte auch Gandhi drauf) und TCM. Hauptsache Indien, China und angrenzende Regionen.

Indien ist ja berühmt für seine Sektengurus. Es wimmelt da nur so von diesen fragwürdigen Gestalten. Einige haben es ganz große in Geschäft geschafft und tausende Freaks nachhaltig verarscht: Osho/Bhagwan, Maharishi, dieser hässliche Hare Krishna Typ, Mun, Sri Aurobindo, um nur einige zu nennen. Da würde ich ebenso Gandhi einreihen, auch wenn seine Interessen mehr machtpolitischer Art waren. Die Gemeinsamkeit ist, dass ihre Anhänger sie – selbst wenn massiver Irrsinn und Betrug dahinter stecken – total überhöhen und sämtliche negativen Fakten ausblenden. Bis zum bösen Erwachen.


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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#6 von Richard Maxheim , 05.10.2016 22:52

Ja, die armen Gurus. Es sind auch sehr oft die Anhänger, die durch ihre Anhänglichkeit so einen Guru dazu verleiten, mehr zu scheinen als er ist. Da steht der Ärmste regelrecht unter Erfolgsdruck. Das ist aber auch bei anderen – Sportlern, Schauspielern, Musikern, Politikern – genau so. Wer im Rampenlicht steht, wird geradezu von außen aufgeblasen. Besitz er dann noch das passende Ego dazu, folgt die Eroberung des Universums, bis er platzt.

Ich habe mal im Netz nach neueren Bekundungen gesucht, wo Pazifisten ihre Gewaltlosigkeit mit dem Vorbild von Gandhi in Verbindung bringen. Alles ältere Texte, seit 2015 nichts mehr. Es kann gut sein, dass die Kritik in den Medien so manchen ernüchtert hat. Es ist jetzt nicht mehr so wichtig. Friede seiner Asche. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Petition kaum auf Interesse stößt. Und bei der UNO lässt sich das sowieso nicht mehr ändern, weil die Inder dann beleidigt wären.

Bei dem System change.org blicke ich allmählich durch. Ich weiß noch nicht, ob ich es weiter nutzen will. Es ist die größte Petitionsplattform der Welt, aber es gibt Kritik wegen mangelhaften Datenschutzes. Da kann man z.B anhand der gezeichneten Petition erkennen, welche politische Einstellung ein registrierter User hat. Aber das ist wohl überall so, sobald man sich mit seinen freien Meinungen im Internet bewegt. Der große Bruder sieht alles.

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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#7 von Albero , 08.10.2016 20:45

Wegen der Gandhi-Geschichte ist aber der Friedensschutz leider ganz in den Hintergrund geraten. Gibt es zu der Rüsselsheimer Friedensinitiative noch mehr Infos? Ich kann im Internet nichts finden.


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RE: Gewaltlosigkeit und Friedensschutz

#8 von Richard Maxheim , 09.10.2016 17:44

Von der Rüsselsheimer Friedensinitiative habe ich zuletzt durch diesen Artikel im Darmstädter Echo gehört. Willi Göttert war mir schon durch sein unter dem Pseudonym Frank Sino verfassten Buch „Arche 2000“ in den Achtzigern bekannt. Er hatte da aber bereits seine religiös-endzeitlichen Vorstellungen revidiert und an einem Rettungsplan für die ganze Menschheit – und nicht nur für einen kleinen Teil in einer „Arche“ – gearbeitet. Sein „Entwurf einer Konvention für umfassende Abrüstung und geschützten Weltfrieden“ fand Beachtung. Zusammen mit der von ihm gegründeten Rüsselsheimer Friedensinitiative (RFI) führte er die Thematik zielstrebig aus und veröffentlichte eine ganze Reihe erklärender Schriften, die international an ausgewählte Regierungsvertreter verschickt wurden. Der damalige deutsche UNO-Botschafter erwähnte sogar die Arbeit der RFI als beispielhaft vor der UN-Generalversammlung.

Geprägt durch sein starkes Sendungsbewusstsein war Willi Göttert die zentrale Persönlichkeit bei der RFI, die lediglich als nichteingetragener Verein existierte, aber dennoch beim Wirtschafts- und Sozialrat der UNO als NGO akkreditiert wurde. Sonstige Mitglieder kamen kaum zum Vorschein. In den Neunzigern wurde von Seiten der RFI versäumt, die Arbeit an die weltpolitischen Umbrüche anzupassen, was ja auch nicht so einfach war. Man trat, bzw. Willi Göttert trat sozusagen thematisch auf der Stelle. Stattdessen versuchte er innerhalb der RFI ein Organisationssystem einzuführen, mit dem ich mich allerdings nicht weiter befasst habe. Das war alles ein bisschen merkwürdig. Es existierte einige Zeit ein schmucklose Internetpräsenz, eine nicht gerade ansprechende Bleiwüste mit Texten. Seit dem Tod von Willi Göttert ist auch die RFI von der Bildfläche verschwunden.

Das Friedenskonzept der RFI sollte nicht in Vergessenheit geraten. Es ist allerdings zu umfänglich, um hier weiter beleuchtet zu werden. Für Experten, die sich professionell mit Fragen der Abrüstung und Friedenssicherung befassen, wäre es eine Empfehlung wert. Und das will ich der Vollständigkeit halber noch anfügen: Eigentlich ist dieses Konzept auch nur im Rahmen einer politisch geeinten Menschheit, also einer Weltföderation machbar, wäre aber gleichzeitig auf dem Weg dort hin recht brauchbar.

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Ehrenrettung für Gandhi

#9 von Markus Rabanus , 06.03.2017 21:22

Viele vermuten, so auch ich, dass die Unabhängigkeit Indiens mehr Blut gekostet hätte, wenn Gandhi den Weg bewaffneter Aufstände anstelle des zivilen Ungehorsams gegangen wäre.
Deshalb scheint seine Entscheidung konkret-historisch und pragmatisch richtig, wie es sich auch in anderen Umbrüchen als richtig erwies, die Gewalt mittels Gewaltlosigkeit zu überwinden, zumal wenn gewaltförmiger Aufstand unterliegen würde, der Selbstaufopferung gleichkäme.
Insoweit erlaubt sich Ehrung und für vergleichbare Konflikte Verallgemeinerung, Vorbildlichkeit.

Dass Gandhi in solcher Phase die Gewaltlosigkeit als Prinzip philosophisch, religiös und politisch überhöhte,
- kritisiere auch ich,
- aber es erscheint entschuldbar, denn es stand viel auf dem Spiel - und darin mit religiösen Argumenten zu punkten, versuchen ja nicht nur Religiöse und es ist ihm vielleicht sogar unentbehrlich gewesen, um sich im politischen Wettbewerb gegenüber Militanten und auch der Kolonialmacht durchzusetzen.

Dass Gandhis politischer Erfolg beeindruckte, dass er als Gewaltloser zum Opfer eines widerlichen Attentats wurde, machte ihn zur Legende. Für viele Friedensfreunde übermaßen. Auf der Kehrseite solchen Unfugs wurde Gandhi bis in die Schulbücher und Lexika instrumentalisiert, um den Pazifismus als Gewaltlos-Veranstaltung und Wehrlos-Gesinnung zu trivialisieren, ad absurdum zu führen.

Und es hat Wirkung, denn ob ich Menschen auf der Straße frage oder in akademischen Kreisen, was sie unter Pazifismus verstehen, dann kommen sie eben leider nicht mit Immanuel Kants Ewigem Frieden und der Forderung nach weltweitem Gewaltmonopol, sondern mit Gandhi, mit Mandela, mit Martin Luther King, mit Jesus oder vereinzelt mit Einstein, dessen weltstaatliche Einsichten sie zumeist so wenig kennen wie auch die zuvor genannten Personen in deren historischem und intellektuellem Kontext.
Allenfalls räumt mal jemand dem Pazifismus noch das Selbstverteidigungsrecht ein, um dem Bösen kein Freibrief zu sein, aber auch das ist falsch, denn ein Selbstverteidigungsrecht ohne anschließende und übergeordnete Justiz ist das exakte Gegenteil von Pazifismus, nämlich Selbstjustiz.

Wie also erschütternd unbekannt ist, dass Pazifismus die logische Weltweiterung der innerstaatlichen Gewaltenteilung anstrebt, ließ mich lange wanken, ob überhaupt mit dem Begriff "UNO-Pazifismus" mehr Korrektiv zu schaffen ist.
Und das bleibt fraglich, aber mir fällt nüscht anderes an Begrifflichkeit ein, um den Streit um den Pazifismus-Begriff zu ersparen.
Naja, solche Probleme gibt es ja nahezu mit allen Politikbegriffen.

Soweit zum Frust ;-) Doch letztlich kein Grund, um Leute wie Gandhi für die Wirren der Weltgeschichte in die Kritik zu nehmen.

LG


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RE: Ehrenrettung für Gandhi

#10 von Richard Maxheim , 07.03.2017 13:29

Gandhi war ein Kind seiner Herkunft und seiner Zeit. Selbstverständlich kann man ihn nicht dafür verantwortlich machen, dass seine Art der Gewaltlosigkeit letztendlich an gewaltsamem Fanatismus scheiterte. Die Kritik richtet sich vielmehr gegen die Überhöhung seiner Person. Man muss die Fakten einfach nüchtern betrachten, dann ist Gandhi nicht mehr als ein fehlbarer Unabhängigkeitspatriot mit besonderem Stil. Die Geschichte ist voll von Mittelmäßigen, die immer noch als geniale Helden bejubelt werden. Umgekehrt gibt es auch welche, die eigentlich gar nicht so übel waren, aber immer noch die Ausgeburt des Teufels zu sein scheinen. Vor vielen Jahren hatte ich mal in einer Radiosendung gehört, Gandhi habe den gewaltlosen Widerstand gewählt, weil der die Inder als zu feige für einen bewaffneten Aufstand hielt. Ich versuche die Quelle dazu noch zu finden.

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RE: Ehrenrettung für Gandhi

#11 von Richard Maxheim , 11.03.2017 20:04

Da war meine Erinnerung aber nicht korrekt. Die damalige Radioserie vom Süddeutschen Rundfunk beruhte auf dem Buch „Liebhaber des Friedens“, erschienen 1982 in Kreuz-Verlag Stuttgart, ISBN 3 7831 0676 1.



Wolfgang Sternstein schrieb am Ende seines Artikels über Gandhi (Seite 32):

Zitat
Die letzten Monate seines Lebens waren überschattet von der bitteren Erkenntnis, dass seine Landsleute nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche zu den Methoden des gewaltlosen Widerstandes im Kampf gegen die Engländer gegriffen hatten.


In dem insgesamt mit Schönfärberei und Ausblendung negativer Aspekte durchsetzten Beitrag klingt aber auch an, dass Gandhi von seinen Anhängern wie auch der Friedensbewegung oft missverstanden wurde.

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RE: Ehrenrettung für Gandhi

#12 von Markus Rabanus , 12.03.2017 16:00

Daran kann allenfalls "überschatten", dass mehr Stärke wieder mal mehr den Kampfgeist als den Verstand befeuert hätte.
Aber ich halte Gandhi nicht für so dämlich, dass ihm dieses grundsätzliche Problem erst in seinen letzten Lebensmonaten bewusst geworden sein soll, denn den Konflikt zwischen "Falken und Tauben" hat man eigentlich in jederlei politischem Konflikt.

"Falken" haben so häufig Mühe, mit rechtlichen Kategorien wie Erforderlichkeit, Geeignetheit, Verhältnismäßigkeit vernünftig umzugehen. Da sind die Falken in der Natur gescheiter. Desgleichen die "Tauben", weshalb wir solche Metaphern ruhig auch abwatschen sollten, wenn sich welche zu sehr als "Falke" oder zu sehr als "Taube" gefallen.

Aus real pazifistischer Sicht sollte der Umgang mit Gandhi pragmatischer sein, dass seine Motive für die Weltgeschichte weniger relevant sind als die Wirkungen. Und eine Wirkung gut, die andere schlecht.

Die eine Wirkung seines gewaltlosen Weges war, dass Indien mit weniger Blutzoll die Unabhängigkeit gelang als es bspw. der algerischen Unabhängigkeitsbewegung mit Gewalt beschieden war. Dafür verdient Gandhi uneingeschränkten Respekt und Würdigung, denn 1 Mio. Tote sind schnell provoziert.

Die andere Wirkung ist ideologischer Art - und ärgert uns, weil er die Gewaltlosigkeit verabsolutierte und weltweit den Pazifismus mit Naivität besudelte, denn es ist zu offensichtlich, dass der Erfolg netter Gesten oder auch gewaltlosen Widerstands davon abhängig ist, mit wem man es zu tun hat und ob auf moralische Skrupel gehofft werden darf. - Also bezüglich der ideologischen Nachwirkung hat er mit seinen Sprüchen versagt und dem Pazifismus keinen Gefallen getan.

Aber auch diesbezüglich halte ich ihm "in dubio pro reo" und pragmatisch zugute, dass seine Übertreibungen geeignet waren, die Skrupel auf seiten der Kolonialisten zu mehren und auch für religiöse Inder eine Barriere gegen blutigere Konfliktaustragung darstellten.

Zumal ich ihm intellektuell zutraue, dass er sich überlegt haben wird, ob seine Gewaltlos-Bewegung massengemordet wird oder auf Skrupel der Kolonialmacht hoffen kann, so dass davon abhing, ob es nicht besser sei, die Menschen nach Hause zu schicken, wenn Gewalt für ihn keine Option war, (oder) noch keine Option war usw. - es sei denn, ihm wäre der gewaltsame Tod aus religiösen Gründen zu gleichgültig gewesen, ähnlich einem Jesus, weil es im Jenseits ohnehin schöner sei. - Aber was ich ihm zutraue, ist rein spekulativ, betifft bloß persönliche Glaubwürdigkeitsfragen, aber erwirtschaftet keine politische Antwort, unter welchen Bedingungen welcher Weg richtig ist.
All solche Spekulationen können zwar interessieren, aber sind letztlich nur wichtig, wenn es darum gehen müsste, jemand heilig zu sprechen oder zu entheiligen, während es uns genügen kann, zwischen Positivem und Negativem auf Ebene unpersönlicher mit politischen Argumenten zu unterscheiden.


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Übernationaler Friedensschutz

#13 von Richard Maxheim , 16.03.2017 21:01

Noch zur Rüsselsheimer Friedensinitiative (RFI). Ich hatte vor 20 Jahren mal einen Artikel darüber geschrieben, den ich jetzt wieder ausgegraben habe.

Hier als PDF-Datei

Die Rüsselsheimer Konvention ist im Anhang (40 Seiten) des bereits oben genannten Buches von Willi Götter „So stirbt der Krieg“ abgedruckt. Das ist was für Abrüstungsexperten und sicherlich noch für aktuelle Überlegungen gut zu gebrauchen, wenn nicht sogar ein Schlüssel zum Fortschritt. Willi Göttert ist verstorben und die RFI gibt es nicht mehr. Alle Unterlagen und Veröffentlichungen der RFI befinden sich im Stadtarchiv der Stadt Rüsselsheim.

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