Weltbürger und offene Grenzen

#1 von Ulrich Matthias ( gelöscht ) , 09.10.2016 15:39

Wie steht Ihr als Weltbürger zum Thema "offene Grenzen"? Ist es einfach nur eine schöne Vision, für deren Verwirklichung es aber noch zu früh ist? Sollten wir lieber erst einmal eine Art globales Sozialsystem anstreben?

Oder ist es einfach nur unmenschlich, wenn ein wohlhabender Kontinent Flüchtlinge an seinen Grenzen abweist?

Ich selbst neige hier eher zu der konservativen Ansicht, dass Einwanderung auch Probleme mit sich bringen kann und wir uns daher die Menschen, die zu uns kommen möchten, genau anschauen sollten. Oberflächlich betrachtet, scheint dies dem Weltbürger-Gedanken zu widersprechen. Aus weltföderalistischer Sicht müsste ein solcher verantwortungsethischer Ansatz aber in Ordnung sein. Ich würde auch betonten, dass die Idee der Weltföderation leichter Zustimmung erfährt, wenn wir betonen, dass sie nicht automatisch eine unkontrollierte Einwanderung zur Folge hat.

In unserer Eine-Welt-Partei ist meine Ansicht übrigens diejenige einer Minderheit, aber wir verstehen uns trotzdem gut, denn wir wissen ja, dass es für beide Positionen Argumente gibt.

Ulrich Matthias

RE: Weltbürger und offene Grenzen

#2 von Richard Maxheim , 09.10.2016 20:24

In einer durch Weltföderation politisch geeinten Welt braucht man keine nationalen Grenzen mehr. Eine Weltföderation ist ohne ein globales Sozialsystem auch nicht denkbar. Da muss niemand mehr wegen Krieg oder Armut seine Heimat verlassen. Man wird sich auf der ganzen Welt als Weltbürger ohne Grenzen frei bewegen können, so wie das heute ja auch schon innerhalb der EU als EU-Bürger möglich ist.

Diese sicherlich noch utopische Zukunftsperspektive kann man als Weltbürger vertreten. Im Hier und Jetzt muss man sich an die gegenwärtige Realität halten. Als Weltbürger sollte man dabei ein humanistische Position einnehmen. Reiche, zivilisierte Länder machen sich einfach unmöglich und ziehen Schande auf sich, wenn sie Menschen, die vor Tod und Verderben aus ihren Heimatländern fliehen mussten, an den Grenzen verrecken lassen. Man braucht dabei Sicherheitsbedenken nicht zu vernachlässige. Das ist eine Frage des Personals und der Organisation.

Eine andere Sache ist die Frage der regulären Einwanderung. Die muss heute jeder Staat für sich entscheiden. In einer zukünftigen Weltföderation sollte die Regelung des Aufenthaltsrechtes auch weiter in der Autonomie der Bundesstaaten liegen. Sonst wohnen an der Costa Cordalis nur noch Milliardäre, weil das der schönste Platz der Welt ist.

Richard


 
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RE: Weltbürger und offene Grenzen

#3 von Albero , 10.10.2016 13:15

Die Flüchtlinge und die Grenzen, das ist natürlich der gegenwärtige Aufreger. So wie das jetzt läuft, ist es auch ein einziger Wahnwitz. Auf der einen Seite Zyniker, welche mit vollen Hosen ihre erbärmliche Pampa in Stacheldraht einhüllen, und auf der anderen Seite Super-Altruisten, die ihre Fähigkeiten total überschätzen. Da stecken wir als Weltbürger echt in der Zwickmühle. Ich kann Richard nur zustimmen und brauche das deshalb nicht zu wiederholen.

Das Problem liegt in der Natur des Menschen. Wir hatten sie ja hier schon mehrfach angesprochen. Unsere animalische Herkunft steckt nun mal noch in uns drin, da können wir machen was wir wollen. Jeder Mensch hat sein Revier. Wer darin ungebeten eindringt, ist ein Eindringling. So läuft das auch im Kollektiv. Volksgruppen sehen die Eindringlinge sogar als Feinde, wenn sie sich von demagogischen Anführern (siehe Pegida etc.) dazu aufhetzen lassen. Es gibt heute noch in Neu-Guinea Täler, da würde ich niemandem raten unangemeldet hin zu gehen.

Was wäre die logische Lösung? Ich denke, Europa kommt nicht an der Einrichtung von Transitzonen vorbei. Wer da gleich KZ schreit ist ein Idiot. Transitzonen hätten wesentliche Vorteile gegenüber dem jetzigen Chaos.

1. Flüchtlinge hätten sofort sichere, menschenwürdige Fluchtpunkte, wo sie versorgt werden, mit Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Medizin. Hier wären sie auch vor den Angriffen des fremdenfeindlichen Mobs geschützt. Die Trennung von rivalisierenden Volksgruppen, ebenso die Zusammenführung von Familien, wären leichter zu bewerkstelligen.
2. Die Flüchtlinge wären nicht mehr einer völlig überforderten, chaotischen Bürokratie ausgeliefert. Ihre Identitätsfeststellung und Registrierung könnte in geordneten Bahnen und zügig erfolgen. Ihre Schulung für ein selbständiges Leben in einem Gastland – z.B. Sprache, kulturelle Gepflogenheiten – könnte gleich und ohne Verzögerung beginnen.
3. Leute, die kein Recht auf Asyl haben, nicht als Kriegsflüchtlinge angesehen werden können oder bei denen Sicherheitsbedenken bestehen, werden schnell erkannt und in ihre Herkunftsländer zurückgebracht. Ich denke auch, dass in Transitzonen solche Leute viel weniger in Erscheinung treten werden.

Das wäre für mich als pragmatischer Weltbürger eine machbare Lösungsmöglichkeit, welche die ganze verfahrene Situation schnell entspannen würde. Ich glaube auch nicht, dass man das Problem anders in den Griff bekommen kann, es sei denn, einige bekannte Despoten trifft in absehbarer Zeit der Schlag und die Fluchtursachen lassen nach.

Meint Albero


Glaubt ihr etwa alles, was n i c h t in den Zeitungen steht?

 
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RE: Weltbürger und offene Grenzen

#4 von Markus Rabanus , 26.02.2018 17:21

Ich kann mich der von Ulrich gestellten Frage bei Gelegenheit genauer annehmen, aber vorausgeschickt sei behauptet, dass es nach gegenwärtigem Völkerrecht keinen Anspruch auf internationale "Freizügigkeit" gibt, wie es sie innerstaatlich beispielsweise in Deutschland und teilweise innerhalb der EU als gute Errungenschaft gibt.

So ist gegenwärtig auch keine "Völkerwanderung" über Landesgrenzen hinweg rechtens, sondern vom Einvernehmen der Zuwanderungsländer abhängig, es sei denn, dass es um Flucht, Vertreibung und Menschenrettung geht.

Was die Zukunft anbelangt, so halte auch ich weltweite Freizügigkeit zwar für menschenrechtlich (Chancengleichheit) wünschenswert, aber Gegenargumente können sich aus dem Föderalismus ergeben, sofern ein Welteinheitsstaat nicht in Betracht käme, was längst nicht ausdiskutiert ist.
Es wäre also eine Frage, welche Souveränitätsrechte den Bundesstaaten einer föderalen Weltrepublik belassen bleiben sollen, die eigene Staatsbürgerschaft und Aufenthaltsrechte zu regeln.
Das lässt sich aus dem Hier und Heute schwer beantworten, denn es ist von zu vieler Entwicklung abhängig.
Fest steht mir bspw., dass ich es für ungezogen (und Unrecht) halte, dass mich Staaten an ihren Grenzen als missliebige Person zurückweisen dürfen, ohne dass es dafür triftige Gründe gibt, die justiziabel zu sein hätten.

Immerhin jedoch lässt sich aus letzter Anmerkung ableiten, dass es desweiteren zwischen "offenen Grenzen" und "kontrollierten Grenzen" zu unterscheiden gilt, denn auch ordnungspolitische Erfordernisse können zumindest vorläufiges Argument für Grenzen sein. Will man bspw. rassistischen Personenkontrollen keinen Vorschub leisten, so braucht es den Aufwand von Grenzen und genereller Kontrollen an definierten Übergängen.

Unsere Welt ist noch weit entfernt von globaler Freizügigkeit, denn Freiheit setzt vieles an Ordnung voraus, deren heutige Kriterien nicht die Morgigen sein müssen - und wie Albert Einstein so treffend sagt, hier verkürzt: "Nichts ist unmöglich, was uns Menschen machbar ist." - Und sei hinzugefügt: "im Schlechten wie im Guten."


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